Das Internet hat unserer Kultur eine völlig andere Logik verpasst. Doch die vernetzte Welt braucht neue Strategien.
Ein Artikel von Dr. Philipp S. Müller, Academic Dean der SMBS, in der Sächsische Zeitung, Kultur, 11.01.12. http://www.sz-online.de/Nachrichten/Kultur/?etag=11.01.2012 (paywall)
Facebook, Twitter oder Wikipedia sind für viele immer noch verwirrende Auswüchse einer unübersichtlichen neuen Technik. Doch die sozialen Medien sind viel mehr als einfach nur eine weitere technische Entwicklung. Sie sind gesellschaftliche Phänomene und spiegeln eine neue soziale Logik wider. Eine Logik, die ganz anderen gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten folgt als noch vor 10 oder 100 Jahren. Diese Logik unserer Zeit haben einige Internetpioniere erkannt und dafür jeweils ein passendes strategisches Werkzeug konzipiert.
Das Geheimnis von Facebook und Wikipedia: Ihre Macher haben bei der Umsetzung ihrer Ideen von Anfang an Offenheit strategisch eingesetzt. Die Nutzer machen bei der Wertschöpfung mit. Vielleicht haben Mark Zuckerberg, der Gründer von Facebook, oder James Wales, der Vater von Wikipedia, die Zeichen der Zeit früher erkannt als andere. Vielleicht haben sie einfach nur intuitiv gehandelt. Unter Umständen waren sie sich der Dimension ihrer Pionierleistung nicht einmal bewusst. Aber Tatsache ist, sie beide haben das Prinzip Offenheit für ihre Sache genutzt. Und genau darauf gründet sich ihr ungeheurer Erfolg. Was heißt das für uns, die wir nicht aus dieser Welt kommen? Was heißt es für unsere Unternehmen, für Verwaltung, Politik und Gesellschaft? Wie können wir alle lernen, Offenheit strategisch einzusetzen und die neuen Webtechnologien und Organisationsformen in unsere Wertschöpfungsketten zu integrieren?
Der Philosoph Niccolo Machiavelli hilft uns beim Nachdenken über Wandel und den Einsatz strategischer Werkzeuge. Sein berühmtes Werk „Der Fürst“ ist zwar eher dafür bekannt, wie ein Herrscher politische Macht gewinnen und bewahren kann. Doch das Spannende daran ist die glasklare Analyse des Wandels und der neuen sozialen Logik des beginnenden 16. Jahrhunderts. Machiavelli schaffte es, die Ablösung von einer dem göttlichen Willen unterworfenen Welt analytisch zu erfassen, hin zu einer Welt, in der Freiheit und Wahlmöglichkeiten herrschten. Der Schwerpunkt seiner intellektuellen Arbeit lag also nicht darin, ein Kochbuch für die dunkle Seite der Macht anzubieten, sondern die im Entstehen begriffene Situationslogik seiner Zeit, die heraufziehende Moderne, zu verstehen, in Worte zu fassen und daraus die richtigen Prinzipien und Verhaltensregeln abzuleiten. Ähnliches benötigen wir heute. Eine neue Form der Staatskunst, also des gestalteten Handelns von Politik, muss heute mit dem Prinzip Offenheit arbeiten. Klassische Staatskunst basierte in früheren Zeiten auf der Idee, dass Information Macht ist und deshalb geheim gehalten werden muss oder strategisch eingesetzt wird. Eine neue, offene Staatskunst hingegen öffnet Wertschöpfungs- und Informationsketten. Doch nur wem es gelingt, das implizite Wissen der Menschen mit zu nutzen, wird erfolgreich Zukunft mitgestalten können. Dies gilt sowohl für Unternehmen als auch für Zivilgesellschaft, Politik und Verwaltung. Die Webseite Guttenplag- Wiki etwa war eine kooperierende Gemeinschaft, eine „Collaborative Community“. Dort geriet gebündeltes Wissen vieler zu einer höchst effektiven Form. Doch wie kann man Offenheit strategisch einsetzen? Wie organisiert und managt man die kollaborierenden Communities, die ihr Wissen zusammentragen? Welche Plattformen braucht man, um neue Formen der Kollaboration zu ermöglichen? Die erste Frage ist strategisch, die zweite operativ und die dritte technisch. Nur wenn alle drei zusammengeführt werden, kann Offenheit erfolgreich zur Wertschöpfung beitragen. Es gibt Beispiele, dass auf der technischen Ebene Offenheit hergestellt wurde, dies aber nicht mit der strategischen und operativen Ausrichtung zusammenpasst – zum Beispiel in vielen Wissensmanagementprojekten der 1990er-Jahre. In anderen Fällen gab es den strategischen Willen und die technische Umsetzung, wie zum Beispiel bei Bürgerbeteiligungshaushalten. Diese scheiterten an zu geringer Partizipation. Aber auch Projekte, die technisch sauber und operativ erfolgreich geführt worden sind, scheitern, wenn sie nicht strategisch eingesetzt werden. Mehr Demokratie und Politikmündigkeit sind schön – aber sie entstehen nicht von allein.
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Philipp S. Müller ist Autor des Buchs „Machiavelli.net – Strategie für eine vernetzte Welt”.
Blog von Philipp S. Müller: http://www.philippmueller.de/










